Meilensteine der Erwachsenenbildung in Niedersachsen
Ursprünge in der Arbeiter:innenbewegung (ab 1830)
Arbeiter:innenbewegung forderte schon früh den Bildungszugang als Grundlage für politische Teilhabe.
Entstehung erster Arbeiter:innenbildungsvereine unter anderem in Braunschweig, Hannover und Osnabrück.
Weimarer Republik (1918–1933)
Aufschwung vielfältiger Volks- und Arbeiter:innenbildungsangebote, jedoch begrenzt durch politische Spannungen.
Erwachsenenbildung erhält Verfassungsrang (Art. 148 WRV); Gründungswelle von Volkshochschulen, u. a. Hannover-Linden.
Erwachsenenbildung im Nationalsozialismus (1933–1945)
Die Ziele der Erwachsenenbildung, immer breiteren Bevölkerungsgruppen Zugang zu Bildung und damit Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungen zu ermöglichen, kollidierten mit der auf Ausgrenzung ausgerichteten NS-Bildungspolitik. Auf die immer stärkeren Eingriffe reagierten die Bildungseinrichtungen ganz unterschiedlich: Selbstauflösungen, Rückzüge in andere Tätigkeitsfelder, willige Anpassung, aber auch Widerstand sowie Versuche, durch Zusammenarbeit mit dem NS-Regime in einigen Bereichen die Errungenschaften zumindest in Teilen zu bewahren. Manche Einrichtungen wurden besetzt oder ganz geschlossen
Neubeginn nach 1945
Demokratischer Neuaufbau der Erwachsenenbildung nach Gleichschaltung und Instrumentalisierung im Nationalsozialismus: offen, plural und auf politische Mündigkeit ausgerichtet.
Britisches Re-Education-Programm zur geistigen Überwindung der NS-Ideologie und zur Unterstützung beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft.
Gründung des Niedersächsischen Bundes für freie Erwachsenenbildung e.V. (nbeb) 1954.
Als landesweiter Dachverband bündelt er die gemeinsamen Interessen der öffentlich geförderten Erwachsenenbildung in Niedersachsen und vertritt diese gegenüber der Politik.
Niedersächsisches Erwachsenenbildungsgesetz (NEBG) ab 1970
Erstmals gesetzliche Anerkennung als öffentliche Aufgabe. Einführung von verbindlichen Standards für Förderung und Qualität.
1999 neu gefasst und anschließend mehrfach weiterentwickelt.
"Die Erwachsenenbildung ist ein eigenständiger, gleichberechtigter Teil des
Bildungswesens. Sie umfasst die allgemeine, politische, kulturelle und berufliche
Bildung.
Ihre Aufgabe ist die Bildungsberatung sowie die Planung und Durchführung von
Maßnahmen, die der Stärkung der Persönlichkeit, der Gestaltung des Übergangs von
der allgemeinen zur beruflichen Bildung und der Fortsetzung oder Wiederaufnahme
organisierten Lernens dienen."
(§ 1 Abs. 1 Niedersächsisches Erwachsenenbildungsgesetz (NEBG))
Welche Rolle spielt Erwachsenenbildung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Pluralismus
Gesellschaftsform, in der unterschiedliche Meinungen, Ideen und Wertvorstellungen nebeneinander bestehen können. Menschen und Verbände dürfen dabei für ihre Positionen werben, respektieren jedoch, dass es auch andere Sichtweisen gibt.
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Erwachsenenbildung zwischen Anpassung und Widerstand
In den Jahren der Weimarer Republik (1918 bis 1933) hatte sich eine vielfältige Erwachsenenbildungslandschaft entwickelt. Sie umfasste private wie öffentliche Einrichtungen, die ganz unterschiedliche Bildungs- und Unterrichtsangebote machten. Es gab zum Beispiel sozialistische oder gewerkschaftlichen Weiterbildungsinitiativen, aber auch bürgerlich orientierte Bildungseinrichtungen, Vereine mit unterschiedlichen Ausrichtungen, Volkshochschulen, von den Kirchen getragenen Bildungsstätten und vieles mehr.
Diese Vielfalt und die humanistische Grundausrichtung der meisten Einrichtungen ließen sich nicht mit dem Anspruch der Nationalsozialisten vereinbaren, die alleinige Macht darüber zu haben, was und wie unterrichtet wird. Nachdem es in einzelnen Einrichtungen bereits früh Unterwanderungen durch NS-Gefolgsleute gegeben hatte, ein Beispiel ist hierfür die vhs Arnstadt in Thüringen 1930, werden ab 1933 intensive Bemühungen unternommen, um die Erwachsenenbildung im Sinne einer nationalsozialistischen Volksbildung in den Staatsapparat einzugliedern. Einige Einrichtungen, wie die Schule der Arbeit in Leipzig, versuchten dieser durch Selbstauflösung zu entgehen. In anderen Fällen kam es zu zwangsweisen Schließungen oder gar gewaltsamen Besetzungen. So wurde die Heimvolkshochschule Springe, damals noch unter dem Namen Victor-Adler-Heim von der Sozialistischen Arbeiter Jugend (SAJ) in Hannover betrieben, 1933 erst besetzt und dann für Zwecke der Hitlerjugend genutzt. Doch es gab auch Anpassungsversuche von Institutionen, um weiterhin, wenn auch unter anderen Bedingungen und mit anderen Zielen, ihre Arbeit fortführen zu können.
Für die Menschen, die in der Erwachsenenbildung tätig waren, blieben die Veränderungen auf der institutionellen Ebene nicht folgenlos. Während sich ein Teil mit dem NS-System und den neuen Rahmenbedingungen gemein machte oder arrangierte, kam es auch zur Entlassung und Verfolgung von Menschen, die sich einer emanzipatorischen, humanistischen und demokratischen Erwachsenenbildung verpflichtet fühlten. Auch vor Gewaltanwendung wurde dabei nicht zurückgeschreckt: In Hannover wurde 1933 Ada Lessing aus politischen Gründen als Leiterin der Volkshochschule entlassen. Ihr gelang später die Flucht nach Großbritannien. Ihr Mann Theodor wurde jedoch im gleichen Jahr von Nationalsozialisten in Marienbad ermordet. Einige Erwachsenenbilder:innen emigrierten oder schlossen sich verschiedenen Widerstandsgruppen an, darunter Erna Blencke, die später von 1951 bis 1954 die HVHS Springe leiten wird, und Adolf Reichwein, der 1944 nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler hingerichtet wird.